Risiken Verstehen

Risiken verstehen

Risikowahrnehmung und -Kommunikation in der Corona-Krise

Was ist ein Risiko, was eine Krise?

Anfang des Jahres kannte noch kaum jemand den neuartigen Coronavirus-Erreger Sars-CoV-2, der sich weit entfernt in China verbreitete. Inzwischen schränkt das Coronavirus nicht nur unseren Alltag ein, sondern ist zu einer globalen Bedrohung mit großflächigen Konsequenzen geworden. Aufgrund der rasanten Ausbreitung von Sars-CoV-2 und der damit einhergehenden Erkrankung Covid-19 machen sich viele Menschen Sorgen um ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen. Während Anfang Februar noch nicht sicher war, ob sich das Coronavirus von China nach Europa verbreitet und ob es ein Risiko für Deutschland darstellt, hat sich die Lage mittlerweile drastisch verändert: Menschen auch hierzulande sind erkrankt und es gibt zunehmend Todesfälle, Geschäfte wurden vorsichtshalber geschlossen, Veranstaltungen abgesagt und die Bevölkerung dazu angehalten möglichst wenig physischen Kontakt zu ihren Mitmenschen zu haben, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Das potentielle Risiko, dass sich das Virus auch in Deutschland ausbreiten könnte, hat sich zu einer Krise mit einer weiterhin steigenden Anzahl an erkrankten und verstorbenen Menschen entwickelt.

Risiko Kriese

Abbildung 1. Akute Schadensfälle (Krise) versus potenzielle Schadensfälle (Risiko) (Aus: Renner & Gamp, 2014).

Was ist Risikowahrnehmung?

Die Anzahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen steigt täglich an. Ob wir uns jedoch persönlich durch die aktuelle Situation bedroht fühlen, hängt von unterschiedlichen Aspekten ab.

Auf der einen Seite versuchen wir sachlich und objektiv abzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass wir selbst oder Mitglieder unserer Familie erkranken und wie schwerwiegend eine solche Erkrankung wäre.

Auf der anderen Seite ist Risikowahrnehmung auch ein Gefühl; man fühlt sich bedroht oder macht sich Sorgen. Das muss nicht immer mit den Fakten oder der objektiven Lage übereinstimmen, sondern kann auch durch andere Aspekte beeinflusst sein.

Was beeinflusst die Risikowahrnehmung? Wovon hängt unsere Risikowahrnehmung ab?

Viele Aspekte beeinflussen unsere Risikowahrnehmung:

Eigenschaften der Gefahrenquelle: Risiko ist nicht gleich Risiko

Ein wichtiger Aspekt ist die Neuartigkeit des Risikos. Gefährdungen, denen man tagtäglich ausgesetzt ist oder Risiken, die man gut kennt, werden oft unterschätzt, während das Risiko neuer, unbekannter Gefährdungen oftmals überschätzt wird.

Aber nicht nur die Neuartigkeit spielt eine Rolle, wenn es darum geht, wie wir Risiken wahrnehmen. Auch die Frage, ob wir das Gefühl haben, ein Risiko unter Kontrolle zu haben (z.B. “Ich bin eine gute Autofahrerin”) oder ihm freiwillig ausgesetzt zu sein (z.B. beim Fallschirmspringen), aber auch das Katastrophenpotential bzw. die sogenannte Schrecklichkeit der Folgen (Autounfall vs. Flugzeugabsturz) beeinflussen, wie gefährlich wir etwas wahrnehmen. Vor allem dann, wenn viele Menschen gleichzeitig betroffen sind, wie es in der aktuellen Krise der Fall ist, wird die Schrecklichkeit als hoch bewertet. Hierbei werden solche Risiken als weniger schlimm eingeschätzt, wenn wir den Eindruck haben, das Risiko kontrollieren zu können, uns dem Risiko freiwillig aussetzen, und es als wenig schrecklich beurteilen.

Informationsquellen, Unsicherheiten und ‘Fake News’

Informationen über die verschiedenen Aspekte eines Risikos können wir aus unterschiedlichen Quellen, wie z.B. über das Internet, Fernsehen, aber auch durch Gespräche mit anderen, bekommen. Außerdem finden wir auch in unserer Umgebung Hinweise darauf, wie risikoreich eine Situation sein kann oder welches Verhalten angemessen ist, wie z.B. durch Schutzmaßnahmen (Tragen von Atemschutzmasken, Abstandsregeln, etc.).

Im Falle des Coronavirus handelt es sich allerdings um einen neuen Erreger, über dessen Erkrankung und anschließenden Verlauf noch relativ wenig bekannt ist. Auch die Forschung steht erst am Anfang. Zu dieser Neuartigkeit und Unsicherheit kommt die globale Tragweite der Verbreitung hinzu. Gerade zu Anfang der Krise war daher die Verunsicherung in der Bevölkerung groß, vor allem in den sozialen Medien bietet dies Raum für Spekulationen, Mythen und Gerüchte, rund um Herkunft, Verbreitung und Schutzmaßnahmen. Die Weltgesundheitsorganisation sprach in diesem Rahmen sogar von einer „massiven Infodemie”, einer Überschwemmung der Bevölkerung mit – korrekten, aber auch irreführenden – Informationen.

Wie können wir Risikoinformationen sinnvoll nutzen?

Um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren viele verschiedene Medien und Anbieter. Häufig werden deshalb emotionale oder dramatische Bilder und Überschriften eingesetzt. Wenn diese nicht in einen entsprechenden Bezug gesetzt werden, dann kann die Darstellung von Einzelfällen zu einer Überschätzung der Gefahrenlage führen. Die Fülle und die teils widersprüchlichen Risikoinformationen erschweren es uns, ein sachgemäßes Bild von der Gefahrenlage zu erhalten. Generell hängt das Verständnis von Risikoinformationen, unsere Interpretation und nachfolgendes Verhalten davon ab, wie die jeweilige Information dargeboten wird. Wichtig zu unterscheiden ist, ob es sich um ein absolutes oder relatives Risiko handelt. Das absolute Risiko umfasst hierbei das Auftreten eines bestimmten Ereignisses, z.B. wie viele Personen an Covid-19 verstorben sind. Das  relative Risiko beschreibt hingegen das Verhältnis von verschiedenen Personengruppen, z.B. wie viele Personen am Coronavirus erkrankt und wie viele Personen davon verstorben sind.

Tipp Risiko

Veränderungen in der Risikowahrnehmung

Die aktuelle Lage in Bezug auf die Ausbreitung von Sars-CoV-2 ändert sich täglich: Die Anzahl der mit dem Coronavirus infizierten, die Anzahl der bereits genesenen, aber auch die Anzahl der aufgrund von Covid-19 verstorbenen Patienten steigt. Diese Veränderungen beeinflussen auch unsere Risikowahrnehmung. Unsere Risikowahrnehmung ist nicht statisch, sondern verändert sich auch durch die Erfahrungen, die wir machen und die Informationen, die wir aufnehmen.

Infektionsfälle

Abbildung 2: Darstellung der bestätigten Infektionsfälle und wichtige Entwicklungen und Entscheidungen in Bezug auf die Verbreitung von Sars-CoV-2 in Deutschland. (Zahlen nach Informationen der John Hopkins University; siehe auch https://euclid.dbvis.de/home).

Aktuelle Zahlen aus dem EUCLID-Projekt zur Risikowahrnehmung und Verhalten im Zusammenhang mit der Coronavirus Pandemie der Universität Konstanz zeigen für Deutschland, dass seit Anfang Februar 2020 und mit steigenden Infektionszahlen auch die Risikowahrnehmung in der Bevölkerung von Deutschland ansteigt.

Seit Beginn der EUCLID-Befragung (https://euclid.dbvis.de/home), Anfang Februar 2020 bis Ende März zeigt sich:

  • Die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung nimmt zu
    • Anfang Februar hielt es nur 1% der Befragten für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich, sich mit dem Virus anzustecken, Ende März waren es 49%
    • Die meisten Befragten gehen davon aus, dass das Ansteckungsrisiko für andere größer ist als für sie selbst (optimistischer Fehlschluss)
  • Die Sorge bezüglich einer Ansteckung nimmt ebenfalls zu
    • Anfang Februar waren nur etwa 5% der Befragten besorgt oder sehr besorgt sich mit dem Virus anzustecken, Ende März waren es 28%
  • Die wahrgenommene Schweregrad einer Erkrankung nimmt jedoch ab
    • Anfang Februar sahen 31% der Personen eine Infektion mit dem Coronavirus als schwerwiegende oder sehr schwerwiegende Erkrankung für die Gesundheit, Ende März nur noch 17%
  • Erwartete zukünftige Entwicklung und Konsequenzen für Deutschland
    • 63% gehen Anfang März davon aus, dass sich die Situation in Deutschland innerhalb der nächsten drei Monate verbessern wird, nur 24% erwarten dies auf weltweiter Ebene
    • Nur 9% befürchten, dass die Coronakrise ein Jahr oder länger anhalten wird
    • Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass die Bevölkerung in Deutschland geringere gesundheitliche und wirtschaftliche Konsequenzen durch das Coronavirus zu fürchten hat als andere Länder
    • Die ökonomischen Folgen der Krise werden als langfristig gravierender betrachtet als die gesundheitlichen Auswirkungen des Coronavirus; 76% der Befragten gehen von schweren oder sehr schweren ökonomischen Schäden für Deutschland aus, während nur 25% schwerwiegende oder sehr schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen erwarten

Wo finde ich weitere Informationen?

Referenzen und vertiefende Literatur:

Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at John Hopkins University (2020) Coronavirus COVID-19 Global Cases by Johns Hopkins CSSE. https://gisanddata.maps.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6. Zugegriffen: 09. April 2020

Debbeler, L., Wahl, D.R., Villinger, K., & Renner, B. (in press). Die Bedeutung der Gesundheitskommunikation in der Prävention und Gesundheitsförderung. https://link.springer.com/referencework/10.1007/978-3-662-55793-8

Gaissmaier, W., Wegwarth, O., Skopec, D., Müller, A. S., Broschinski, S., & Politi, M. C. (2012). Numbers can be worth a thousand pictures: individual differences in understanding graphical and numerical representations of health-related information. Health Psychology, 31(3), 286-296. https://doi.org/10.1037/a0024850

Gamp, M., Debbeler, L. J., & Renner, B. (2016). Risikokommunikation im Internet. In eHealth in Deutschland (pp. 421-440). Springer: Berlin

Renner, B., & Gamp, M. (2014). Krisen-und Risikokommunikation. Prävention und Gesundheitsförderung, 9(3), 230-238. https://doi.org/10.1007/s11553-014-0456-z

Renner, B., & Schupp, H. (2011). The perception of health risks (pp. 637-665). POxford University Press: New York

WHO (2020a) Novel Coronavirus (2019-nCoV) advice for the public: Myth busters. https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public/myth-busters. Zugegriffen: 09. April 2020

Autoren des Webbeitrages: Luka J. Debbeler, Deborah R. Wahl,  Karoline Villinger, Julia Koller, Nadine C. Lages, Harald T. Schupp und Dr. Britta Renner