Corona-Impfung: Was tun bei Angst vor Nebenwirkungen?


Warum sollte man sich überhaupt impfen lassen?

Wenn sich mindestens 7 von 10 Personen in der Bevölkerung gegen COVID-19 impfen lassen, erreichen wir Herdenimmunität. Damit hätten wir die Pandemie im Griff und könnten wieder ein normales Leben führen. Trotzdem sind viele Menschen zurückhaltend, und wollen sich entweder überhaupt nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt impfen lassen. Hauptgründe, die vorgebracht werden, sind Ängste vor Nebenwirkungen und Langzeitschäden. Selbst bei Personal im medizinischen Bereich oder Altenpflegerinnen und Altenpflegern in Seniorenheimen besteht oftmals noch Zurückhaltung. In Ländern wie Frankreich ist die Bereitschaft zur Teilnahme an Corona-Impfungen weit unter 50%. Wie kommt das?

Ängste vor Impfungen sind in der Tat ganz normal. Seit Urzeiten haben Menschen Angst vor allem Unbekannten, da Neues ja auch gefährlich sein könnte. Dass wir uns allerdings nicht nur von unseren Ängsten vor Neuem und Unbekanntem lenken lassen, hat in der Menschheitsgeschichte zu Fortschritt geführt – auch in der Medizin. Heute können wir auf einen großen Erfahrungsschatz aus der Wissenschaft zurückgreifen. Aus diesen Erfahrungen können wir auch Informationen darüber ableiten, ob wir auf neue Empfehlungen wie die zu den Corona-Impfungen eingehen sollen oder nicht. Entscheidend dafür ist allerdings, dass Politikerinnen und Politiker die Ängste in der Bevölkerung ernst nehmen, besorgte Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen und sie durch gezielte Informationen aufklären.

Da die Impfstoffe erst im Jahr 2020 entwickelt wurden, könnte man dies vermuten. Und doch: In der Hauptstudie zum Impfstoff von BioNTech/Pfizer wurden über 40.000 Personen aufgenommen und zum Teil über Monate beobachtet. Zum Vergleich: Bei Zulassung der meisten anderen Medikamente ist man selten bei Erfahrungswerten von 1.000 Personen, meist weniger. Dem großen Einsatz der Forscherinnen und Forscher ist es zu verdanken, dass bereits jetzt Ergebnisse vorliegen, für die man früher bei anderen, neuen Medikamenten mindestens 5-10 Jahre benötigt hat, um vergleichbare Erfahrungswerte zu haben. Deshalb kann man mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass die Impfstoffe gut verträglich sind und die Nebenwirkungen in den allermeisten Fällen bestenfalls moderat sein werden. Zum Vergleich: Für viele Medikamente, die regelmäßig von vielen Menschen eingenommen werden, gibt es eher weniger Erfahrungswerte. Das liegt daran, dass man bei Impfmedikamenten so riesige Studien braucht, da es zur Prävention gedacht ist. Bei bestimmten Behandlungen für Krankheiten hingegen können die Stichproben laut rechtlicher Bestimmungen deutlich geringer sein.

Warum wird die Sicherheit der Impfstoffe trotzdem angezweifelt?

Neues löst Ängste aus, und Menschen, die eher ängstlich sind, lassen sich häufiger davon steuern. Oftmals haben gerade ängstliche Menschen in der Vergangenheit ungünstige Erfahrungen mit Medikamenten gemacht. Dadurch liegt die Erwartung vor, dass auch die Impfseren problematische Konsequenzen haben können. Bereits diese Ängste führen zu einer Häufung auftretender Probleme bei medizinischen Behandlungen ganz allgemein.

Es ist nur eine Frage der Zeit, dass Medien über Menschen berichten werden, die auftretende Beschwerden als mögliche Nebenwirkungen der Corona-Impfung schildern werden. Warum lässt sich dies sicher vorhersagen? Alle Behandlungen, selbst Behandlungen ohne jeglichen Wirkstoff (also Placebos), bergen ein gewisses Risiko, dass die Menschen negative Empfindungen entwickeln oder bereits vorhandene Beschwerden auf die Behandlung zurückführen. Oftmals ist diese Ursachenzuschreibung allerdings falsch.

In der oben beschriebenen Hauptstudie zu einem Impfstoff sind beispielsweise 20.000 Menschen nur mit einem Placebo-Impfmittel behandelt worden, das keinerlei Wirkstoff enthielt. In dieser Placebo-behandelten Gruppe hat ca. ein Viertel der Menschen beschrieben, aufgrund der Impfung Erschöpfungszustände entwickelt zu haben. Vier Menschen, die nur die Placebo-Impfung erhielten, sind während des Untersuchungszeitraums gestorben (und zwar weder in Zusammenhang mit COVID-19, noch an dem Placebo-Impfstoff). Jeder dieser Menschen könnte als Beispiel herangezogen werden, um in einem negativen Einzelbericht über Impfungen vorzukommen. Die Sicherheit, ob bestimmte Nebenwirkungen wirklich auf den Impfstoff zurückzuführen sind, erhalten wir nur aus wissenschaftlichen Studien. In diesen Studien werden Personengruppen, die mit dem wirklichen Medikament behandelt wurden, mit Personengruppen verglichen, die das Placebo bekommen haben. Nur wenn die Gruppe der mit dem echten Medikament Behandelten wirklich deutlich mehr Nebenwirkungen beschreibt als die Gruppe, die das Placebo erhielt, sind diese Nebenwirkungen auf das Medikament zurückzuführen. Einzelfallberichte sind hier irreführend.

Medienberichte beeinflussen in sehr hohem Maße, wieviel Nebenwirkungen für ein Medikament erlebt und berichtet werden. Als vor 10 Jahren in Neuseeland ein gängiges Schilddrüsenmedikament auf eine andere Form umgestellt wurde (bei gleichem Inhalt), wurde dies zunächst genauso gut vertragen wie das alte Medikament. Zwei Monate später haben mehrere Berühmtheiten im Fernsehen berichtet, dass sie seit dieser Umstellung ziemliche Probleme mit dem Medikament hätten. Daraufhin explodierten die Berichte über Nebenwirkungen. Ähnliche „psychologische Ansteckungseffekte“ konnten auch für Antidepressiva und andere Medikamente gezeigt werden. Durch solche sorgenvollen Erwartungen kommt es zum Teufelskreis, dass Beschwerden umso schneller und umso intensiver wahrgenommen werden. Medien beeinflussen also durch ihre Berichte, wie gut oder schlecht wir Impfstoffe vertragen.

Viele Menschen erhalten die meisten Informationen aus einer ähnlich-denkenden Bezugsgruppe, zum Beispiel bei Twitter, Facebook oder sonstigen sozialen Medien und Foren. Diese Gruppe verteilt primär Informationen, die die Hauptmeinungen unterstützen. Es entsteht der Eindruck, „unsere Gruppe ist sich einig und wir sind die einzigen, die wirklich Durchblick haben“. Solche Netzwerke können jedoch von Meinungsführenden leicht missbraucht und gelenkt werden. Dann häufen sich plötzlich die Katastrophenmeldungen über Impfstoffe, und keine positive Information dringt mehr durch (das nennt man auch Filterblase).

Das können wir jetzt gegen solche Einflüsse und Ängste vor Nebenwirkungen tun:

Viele körperliche Beschwerden können zwar häufig auftreten, sie sind jedoch nicht Ausdruck eines medizinischen Problems oder einer medizinischen Unverträglichkeit. Jeder Mensch kann zum Beispiel allein durch Ängste oder Erwartungen körperliche Beschwerden bekommen: Das ist ganz normal und das sollten wir bedenken, wenn Berichte über potentielle Nebenwirkungen von Impfstoffen veröffentlicht werden. Unsere Ängste sind okay – nur: wir sollten uns nicht von Ihnen dominieren lassen.

Versuchen Sie aktiv, Informationen aus unterschiedlichen, aber verlässlichen Informationsquellen zu bekommen. Wir leben in einer Demokratie und haben das große Privileg, offenen Zugang zu verschiedenen verlässlichen Informationsquellen anbieten zu können – nutzen Sie diese Breite. Versuchen Sie zu vermeiden, dass Informationen von nur einer Bezugsgruppe oder einzelnen Meinungsführenden ein zu starkes Gewicht bekommen, und dass Sie zum Spielball einzelner Meinungsführenden werden. Sorgen Sie auch aktiv in ihrem persönlichen Umfeld für einen vielfältigen Informations- und Meinungsaustausch.

Ärztinnen und Ärzte können durch gute Information und Aufklärung wesentlich dazu beitragen, dass Ängste im Zusammenhang mit den Corona-Impfstoffen reduziert werden. Schon allein aus juristischen Gründen müssen sie Patientinnen und Patienten über mögliche Nebenwirkungen aufklären. Manchmal geht dabei fast verloren, auch darüber zu informieren, aus welchen positiven Gründen ein Medikament genommen oder an einer Impfung teilgenommen werden sollte. Eine ausbalancierte Information von Positivem und Negativem für Patientinnen und Patienten ist deshalb enorm wichtig.

Außerdem zeigen wissenschaftliche Studien, dass vertrauensvoll, warmherzig und kompetent auftretende Ärztinnen und Ärzte die beste Medizin sind, um Nebenwirkungen zu reduzieren. Die Qualität der Beziehung trägt also wesentlich dazu bei, ob Patientinnen oder Patienten Nebenwirkungen entwickeln, oder ob sie gut mit üblichen Ängsten umgehen können.

Alle Personen, die Vertrauenspositionen in Unternehmen, Institutionen oder Behandlungseinrichtungen haben, sollten ihre Vorbild-Funktion ernst nehmen, mit gutem Beispiel vorangehen und sich impfen lassen, wenn sie an der Reihe sind. Wenn diese Personen zum Ausdruck bringen, dass es wichtig ist, sich impfen zu lassen, und sie auf die Sicherheit der Impfstoffe vertrauen, wird dies auch auf viele andere Menschen beruhigend wirken.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen umso weniger Nebenwirkungen auf Medikamente entwickeln, je mehr sie einen tieferen Sinn in der Maßnahme sehen. Schmerzen werden als weniger belastend und weniger intensiv erlebt, wenn die betroffene Person das Gefühl hat, dadurch andere Menschen zu schützen; man spricht hier von einer „altruistischen Motivation“. So ist es auch bei der Corona-Impfung: Sich impfen zu lassen, dient nicht nur dem eigenen Schutz, sondern auch dem Schutz von Mitmenschen, die einem wichtig sind, wie Freunden und Angehörigen, aber auch der Gesellschaft, der man sich zugehörig fühlt. Jeder Mensch gehört zu einer Gruppe, die ihm wichtig ist. Diese Menschen und Gruppen sollten wir vor Augen haben, wenn wir uns für eine Corona-Impfung entscheiden.

Auch aus psychologischen Gründen gibt es „Risikopersonen“ für die Entwicklung von Nebenwirkungen nach Impfungen. Gibt es z.B. eine allgemeine Neigung, häufig körperliche Beschwerden zu erleben oder oftmals auf Medikamente mit Nebenwirkungen zu reagieren, so wird dies auch für Impfungen gelten. Auch Menschen, die besonders ängstlich sind, sind Risikopersonen für Nebenwirkungen oder Impfverweigerung. Wir als Gesellschaft sollten uns frühzeitig um diese Ängste kümmern, diesen Menschen Aufmerksamkeit schenken, sie in Entscheidungen mit einbeziehen und vor allem empathisch und kompetent über Hintergründe informieren.

Herausforderungen wie diese Pandemie werden dann am besten bewältigt, wenn alle wichtigen Institutionen der Gesellschaft zusammenarbeiten. Politiker, Medien, Personen in der Gesundheitsversorgung und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen eng kooperieren, so dass einerseits die biologischen Komponenten und Versorgungsfragen geklärt sind, aber ebenfalls die Expertise über menschliche Ängste, Entscheidungen und Verhaltensweisen eingebracht werden. Wenn Politik, Wissenschaft und Praxis hier eng kooperieren, jeder die Fachkompetenz des anderen wertschätzt und einbringen lässt, und dies auch von den Medien mit unterstützt wird, können wir die Herausforderung Corona als Gemeinschaft bewältigen.

Zuverlässige und aktuelle Informationen finden Sie hier:

Fragen und Antworten zur Corona-Impfung vom Robert-Koch-Institut: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/COVID-Impfen/gesamt.html

Informationen vom Bundesgesundheitsministerium: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus/faq-covid-19-impfung.html?fbclid=PAAaZ0btnuan3fYv6UDYV1EqhG-OS2Toj0h54Oa982AKa5BrI34iGuMMbSCjo

Intitiative „Zusammen gegen Corona“ des Bundesgesundheitsministeriums: https://www.zusammengegencorona.de/impfen/

Informationen der Bundesregierung: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/coronavirus-impfung-faq-1788988  

 

 

 

Autor des Beitrags: Winfried Rief, Marburg