Effektiv zu Hause lernen

Effektiv zu Hause lernen –Tipps aus Sicht der Lernpsychologie

In der aktuellen Situation findet das Lernen für die meisten Schülerinnen und Schüler ausschließlich zu Hause statt. Dadurch fehlen die Struktur und die Hilfestellungen, die Lehrkräfte sonst im Unterricht bieten können, von wöchentlich oder täglich eintrudelnden Arbeitsaufträgen und sporadischer digitaler Unterstützung mal abgesehen. Bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern übernehmen die Eltern zum Teil die Rolle von „Lerncoaches“ und müssen den Lernprozess gestalten, während die älteren Schülerinnen und Schüler ihr Lernen selbst organisieren müssen.

Wie kann man lernen, damit wirklich etwas hängenbleibt?

Die psychologische Forschung liefert viele hilfreiche Hinweise, mit denen sich das Lernen zuhause verbessern lässt.

Vier Prinzipien, die im Folgenden erläutert werden, sind für alle Schulfächer und Altersgruppen geeignet und in ihrer Wirksamkeit gut belegt.

Einfach mal ausprobieren und nicht gleich aufgeben, wenn es nicht sofort klappt!

1. Lernen mit Sinn und Verstand – Man muss verstehen, was man lernen will!

Viele Schülerinnen und Schüler denken, dass man den Lernstoff auswendig lernen muss, wenn man ihn wirklich gründlich lernen möchte. Das Auswendiglernen ist allerdings keine gute Form des Lernens. Es kostet viel Zeit und Mühe, sich auf diese Weise etwas einzuprägen, und man vergisst es schnell wieder.  Wichtig ist es,sich  vor dem Lernen das notwendige Hintergrundwissen anzueignen um Wissenslücken zu schließen. Danach fällt es leichter, den eigentlichen Lernstoff zu bearbeiten.

Hintergrundwissen aneignen

Um effektiv und nachhaltig zu lernen, muss man verstehen, was man lernt. Das geht aber nur, wenn man das entsprechende Hintergrundwissen hat.

Was bedeutet das konkret? Wenn man beim Lernen merkt, dass einem wichtiges Hintergrundwissen fehlt, muss man sich dieses zunächst verschaffen.

Tipps, um sich das Hintergrundwissen anzueignen:

  • bereits bearbeitete Kapitel, Aufgaben oder Lektionen noch einmal durchgehen,
  • die Mitschülerinnen und Mitschüler, die Lehrkraft oder die Eltern ansprechen (je nach deren Verfügbarkeit)
  • versuchen, Wissenslücken anhand eines Lehrbuchs oder anhand einer Internetquelle zu schließen.

Erst wenn die Wissenslücken geschlossen sind, ist es sinnvoll, sich mit dem eigentlich anstehenden neuen Lernstoff weiter zu beschäftigen.

Hilfreiche Hinweise zum Bearbeiten des  Lernstoffes

  • überlegen, was man schon zu einem Thema weiß,
  • sich selbst Fragen zum Lernstoff ausdenken (und diese beim Lernen auch beantworten),
  • selbst Beispiele und Querverbindungen zu anderen Themen ausdenken.
  • Kernaussagen in einem Text oder einer Lerneinheit finden und diese noch einmal selbst zusammenzufassen.

2. Lösungen möglichst selbst erarbeiten!

Was man sich selbst erarbeitetet prägt sich besser ein!

Es ist einfacher, sich bei auftretenden Schwierigkeiten die Lösung von Aufgaben durch Musterlösungen, ein Lehrvideo auf Youtube, durch Mitschüler(innen) oder die Eltern zeigen zu lassen, als sie eigenständig zu lösen. Sich die Lösung zeigen zu lassen, kann für den Einstieg in ein neues Thema oder eine neue Aufgabe sehr sinnvoll sein – aber die Dinge, die man sich beim Lernen selbst erarbeitet hat, versteht und behält man viel besser als etwas, das man nur gelesen, angesehen oder gehört hat. Erklärungen durch Eltern und andere (hoffentlich kompetente) Quellen dürfen also die eigenständige Lösung von Aufgaben nicht ersetzen.

Für Eltern: Das richtige Maß an Unterstützung finden

Eltern als „Lerncoaches“ sollten bei der Unterstützung ihrer Kinder das richtige Maß finden: Sie können ihren Kindern als Lernpartner zur Verfügung stehen, Wissenslücken füllen und ihnen auf die Sprünge helfen, wenn sie etwas nicht verstehen. Sie dürfen den Kindern das Denken und die eigenständige Lösung von Aufgaben aber nicht abnehmen, indem sie ihnen Lösungen vorgeben. Eltern sollten Kinder darin unterstützen, ihre Aufgaben eigenständig zu lösen.  Die Hilfestellungen sollten entsprechend dosiert werden. Genau das tun gute Lehrkräfte auch.

3. Wiederholen nicht sofort, sondern mit zeitlichem Abstand!

Lernstoff einfach wiederholen bringt nicht so viel.  Zeitlicher Abstand zwischen den Wiederholungen ist wichtig!

Wenn Schülerinnen und Schüler sich etwas wirklich gut einprägen wollen, lesen sie z.B. einen Text noch einmal, lösen noch einige weitere Aufgaben oder schauen sich die Vokabeln oder das Lernvideo einfach noch einmal an. Wiederholen bringt für das Lernen meist kaum einen Zugewinn, wenn man es unmittelbar nach dem ersten Lerndurchgang anwendet.

Besser ist es, den Text oder die Aufgaben erst einmal liegen zu lassen und sich erst nach einer gewissen Zeit wieder damit zu beschäftigen. Nach einer Pause von einigen Stunden, einem Tag oder auch einer Woche kann die Wiederholung des Gelernten dagegen sehr effektiv sein – gerade weil man dann möglicherweise schon etwas vergessen hat und das Gelernte nicht mehr ganz so präsent ist.

4. Besser als Wiederholen: Sich selbst testen und abfragen

Eine hervorragende Möglichkeit, das eigene Lernen zu verbessern, ist das Beantworten von Fragen und Übungstests – möglichst ohne Zuhilfenahme der Lernmaterialien.

Fragen und Übungstests erfüllen dabei gleich drei wichtige Funktionen.

  • Informationen, die man schon einmal aus den Tiefen des Gedächtnisses hervorgeholt hat, kann man auch später leichter erinnern.
  • Durch Abfragen und Übungstest, merkt man, was man noch nicht oder noch nicht sicher weiß. So kann man die entdeckten Wissens- oder Verständnislücken gezielt beseitigen.
  • Mit der Zeit bekommt man so ein Gefühl dafür, auf welche Weise und wie intensiv man lernen muss, damit wirklich etwas hängen bleibt.

All das sind Vorteile, die das Wiederholen von Lernstoff z.B. nicht bietet – und darum ist es oft viel wirksamer, sich selbst abzufragen oder sich selbst mit Übungsaufgaben zu testen. Die Fragen oder Testaufgaben sollten weder zu einfach noch zu schwer sein – wenn man sie nicht oder nur zu einem geringen Teil beantworten kann, bringen sie für das Lernen auch wenig.

Wer die Möglichkeit hat, sich von einem Elternteil oder einem Mitschüler bzw. einer Mitschülerin (z.B. über digitale Kommunikationswege) abfragen zu lassen, sollte diese Möglichkeit nutzen. Das ist dann auch eine gute Gelegenheit, über die Inhalte ins Gespräch zu kommen – was den Lernerfolg weiter fördern kann.

Literaturhinweise

Dunlosky, J., Rawson, K. A., MarshLiteraturhinweis:, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving students’ learning with effective learning techniques: Promising directions from cognitive and educational psychology. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4-58. https://doi.org/10.1177%2F1529100612453266

Lipowsky, F., Richter, T., Borromeo-Ferri, R., Ebersbach, M. & Hänze, M. (2015). Wünschenswerte Erschwernisse beim Lernen. Schulpädagogik heute, 11. https://www.psychologie.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06020400/2020/Lipowsky_et_al.__2015.pdf

Videotipp

Julia Holzer (julia.holzer@univie.ac.at): „Tipps für das Lernen zu Hausehttps://youtu.be/z2yeth2Q4-o

Autor: Tobias Richter